Vom ICH zum WIR #2

Was ist das WIR und wie kommen wir dahin?

Das WIR in Großbuchstaben sehe ich als den Raum, in dem Menschen zusammenkommen mit gegenseitiger Wertschätzung und der Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen.

Wie in #1 ausgeführt ist das selten der Fall, wenn wir Gemeinschaft als Spielfeld für Einfluss und Macht sehen. Es bedarf einer gewissen Reife, so dass das Individuum von diesem „egozentrischen“ Geltungsbedürfnis Abstand nehmen kann und sich dem anderen öffnen.

Oder wir sind frisch verliebt, und da können wir nicht lang genug dem anderen zuhören, wir wollen alles wissen, wir nehmen uns zurück und warten darauf, dass dieser so spontan sich öffnender Wir-Raum sich weiter öffnet und für immer bestehen bleibt. Wie wir alle wissen ist dies nur selten der Fall.

Also, was tun?

  • Diese gewisse Reife aktiv fördern: wenn ich in tiefer Verbindung mit anderen sein möchte, dann muss ich dafür sorgen, dass ich dazu auch selber fähig bin, dass ich mich selbst gut kenne, meine Emotionen und Bedürfnisse und dass ich unterscheiden kann zwischen meinem Geltungsbedürfnis und meinem verkörperten Wunsch, mich einzubringen. Dazu gehört, meine Opferhaltungen zu entlarven und aufzugeben
  • Zuhören lernen, wirklich zuhören, mit „Leib und Seele“, wie man so schön sagt, und nicht nur mit dem Kopf und seinem Gedankenstrom.
  • Für mich selbst einstehen. D.h. eingreifen, wenn der Gesprächspartner Selbstdarstellung übt und mich als Fanclub zu benutzen versucht. Man nennt das auch „Grenzen setzen“
  • Mir Menschen suchen, mit denen ein solcher Austausch möglich ist, wo ein WIR-Raum entstehen kann, in dem wir uns wohl fühlen und unserern Beitrag einbringen können. Idealerweise ist dieser WIR-Raum dem Wachstumsprozess aller Beteiligten gewidmet, in gegenseitiger freundlicher Unterstützung. Nicht umsonst nenne ich diesen Raum geöffnet vom „WIR“ – im gegensatz zum „wir“. Das kleine „wir“ ist Ausdruck unserer konditionierten und  unentwickelten Muster, während das große „WIR“ auf eine Verbindung mit der Kraft hinzielt, die größer ist als wir selber.

Jede Liebesbeziehung bietet uns eine riesige Chance, genau das zu tun, die nötigen Kenntnise und Verhaltensweisen zu lernen, die uns zu diesem wunderbaren WIR-Raum bringen können. Wahrscheinlich brauche wir erst eine reichliche Portion von Enttäuschung und Schmerz, bis wir uns aufraffen, aus den alten >Mustern heraustreten zu wollen – und es dann auch wirklich tun. Frustration ist ein guter Antreiber zur Veränderung, die man am besten aus dem Weg schafft, indem man sich auf die Erforschungsreise in die eigene Tiefe und die der anderen macht.

Beides benötigt das Herausbildung von einer Kunst: die KUNST DES ZUHÖRENS.

Wir müssen lernen,

  • uns selbst tief und aufmerksam zuzuhören
  • lauschen darauf, was in unserer unmittelbaren und entfernteren Umgebung geschieht – ohne in unsere inneren Dialoge und selbstgebastelten Geschichten zu verfallen
  • den Menschen, denen wir begegnen, wirklich zuhören, nicht nur den Worten, sondern all den anderen Weisen, auf denen er/sie mit uns kommuniziert.

Und das kann man trainieren.

Versuche es doch einmal mit Musik. Z.B. nimm ein barockes Lied

  • höre es zuerst als Gesamtklang
  • dann höre nur auf die Oberstimme, ohne sie zu verlieren und achte darauf, was Du Dir selber zu erzählen beginnst beim Zuhören (z.B. „das erinnert mich an…“ „jetzt habe ich die Melodie verloren…“ „ich kann das einfach nicht…“
  • dann höre nur auf die tiefste Stimme, die oft durch einen Kontrabass oder Cello gespielt wird. Wenn Du sie das ganze Stück über verfolgen kannst, dann ist es schon gut
  • Dann geh an die Mittelstimmen… usw

Das ist eine gute Vorübung, um „bei der Sache“ zu bleiben und dich nicht fortschwemmen zu lassen von äußeren oder inneren Ablenkungen.

 

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