Vom ICH zum WIR #1

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Das „Ich“ im „Normalen Leben“

In meiner Kindheit und Jugend bekam ich in der Familie oft die Rückmeldung, ich sei „egoistisch“, wenn ich etwas für mich wollte – oder wenn ich einfach das übliche Familienspiel mitmachte, das es dem jeweils anderen schwer machte, das was wirklich wichtig für sie/ihn war, auch zu bekommen. Rivalität und Abwertung des anderen waren so normal in unserer Nachkriegsgesellschaft – und wohl auch heute noch nicht passé.

Wenn wir gegen die Regeln der Gesellschaft verstoßen, in unserem eigenen begründeten Interesse, ist das meist noch immer „egoistisch“, vor allem, wenn Du eine Frau bist und Kinder hast und versuchst, Zeit und Geld für Dich selber und ein  Entwicklung aufzuwenden. Die „Rabenmutter“ begegnet Dir als Schuldzuweisung aus den Augen von Familie und Freunden, vor allem wenn Du nicht mehr 100% für die anderen zur Verfügung stehst, wie Du das wohl früher gewesen warst.

Du hast alle um Dich herum verwöhnt mit Deinem Eifer, Deiner Fürsorge, Deinem Immer-für-sie-dasein, und jetzt kommst Du in tiefen Konflikt: Ist es wirklich egoistisch, wenn ich ganz und heil werde? – oder ist es egoistisch, meinen Lieben das Beste von mir vor zu enthalten?

Schon Carl Gustav Jung hat gesagt, dass das Beste, was Eltern für ihre Kinder tun können ist, selber glücklich zu sein.  Und dass es katastrophal ist für die Kinder, wenn sich Eltern für sie aufopfern, denn sie werden überladen mit Verpflichtungen und Schuldgefühlen. „Ich habe so viel für Dich getan, und dafür erwarte ich, dass Du…..“, die altbekannte Zange der Manipulation, aus der sich zu befreien unendlich schwer ist und viel Mut und Reife erfordert. Unnötig zu betonen, das Kinder diesen Erpressungen von Seiten der Eltern oder anderen Bezugspersonen hoffnungslos ausgeliefert sind. Und niemand gewinnt, alle verlieren: die Kinder werden ihrer freien Entfaltung beraubt und die Bezugspersonen dümpeln im Opferdasein gepaart mit fehlgeleitetem Stolz über ihre heroische – aber eben völlig kontraproduktive – Aufopferung. Das ist der wahre Egoismus: das Machtspiel über andere durch Opferhaltung.

In solchen sozialen Beziehungsfeldern gibt es viel Erwartung, Manipulation und Unterdrückung einerseits und andrerseits viel Drama, Ausweichen und Selbstverleugnung. Das spiegelt sich in der Kommunikation und perpetuiert sich ständig durch unser Beziehungs- und Kommunikationsverhalten:

  • In Gesprächen versucht jeder, möglichst schnell das Wort zu ergreifen, auch indem man den anderen ins Wort fällt, extrem laut spricht usw. bis endlich alle zuhören
  • Die Zuhörer trachten entweder danach, endlich auch mal zu Wort zu kommen, oder sie ergeben sich der Übermacht des Sprechers, versuchen zuzuhören, is es zu langweilig ist und sie nach einem Ausweg suchen, wie sie am besten die Gesprächssituation verlassen können.
  • Das Zuhören beschränkt sich darauf, die Schlüsselworte zu erhaschen, zu dem man selber etwas enorm Interessantes und Wichtiges zu sagen hat. Ab da geht alle Energie zum Erobern des Wortes, Zuhören findet höchstens noch am Rande statt.
  • Wir werden zu einer Gemeinschaft von Sprechern, der die Zuhörer fehlen; wir werden zu einer Gemeinschaft (?) von Kämpfenden für die momentane Macht über die anderen. – Eine Illusion von Macht, eine Illusion darüber, irgendwelche Wirkung und Einfluss auf die anderen zu haben – denn die hören ja nicht zu!

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